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Fortuna desperata
Orgelmusik aus Gotik und Renaissance

Interpret: Daniel Beilschmidt, Orgel / Christine Mothes, Sopran / Veit Heller, Glocken
Instrument: Metzler-Orgel Paulinerkirche Leipzig
Label: Genuin

Das ist eine CD für Spurensucher oder Eingeweihte: Das titelgebende Lied Fortuna desperata, das in nicht weniger als 6 Programmnummern der CD auftaucht, wird im Booklet weder mit seinem Text noch seiner Melodie vorgestellt. Nicht jeder weiß schließlich, dass dieser Oldie der Franko-Flamen (vermutlich von Antoine Busnois, 1430 – 1492, Musiker am Hof des letzten burgundischen Herzogs Karl der Kühne) Vorlage war für mindestens 30 Bearbeitungen in 75 Jahren, darunter solchen von Alexander Agricola, Josquin und von Heinrich Isaac. (Im Lied Fortuna desperata gibt der Sänger seiner Klage ob der Ungerechtigkeit des Schicksals bezüglich einer Frau und des Todes großartig lamentierenden Ausdruck.)

Das ist eine CD für Spurensucher oder Eingeweihte: Die 1240 geweihte, 1968 gesprengte ehemalige Dominikanerkirche ist als Aula der Leipziger Universität und Andachtsraum 2010 im neuen Gewand wiedererstanden, seit 2015 steht hier der erste Bauabschnitt einer Schwalbennestorgel von Metzler (II//7), gebaut als Nachempfindung einer gotischen Orgel, wie sie Praetorius in seiner Organographia für die Paulinerkirche überliefert hat. Im nächsten Bauabschnitt sollen noch 11 Stimmen hinzukommen. Mit mitteltöniger Stimmung eröffnet das Instrument auch die Verwendung bei Musik der Renaissance.

Das ist eine CD für Spurensucher oder Eingeweihte: Hausorganist Daniel Beilschmidt spielt ein Programm mit Werken aus dem Robertsbridge Codex, dem Buxheimer Orgelbuch, dem Codex Faenza, von Adam Ileborgh von Stendal, Fridolin Sicher bis hin zu Seth Calvisius und eigenen Intavolierungen, gezuckert mit Glockengeläut, Glockenrädern (Nachfolger sind die Altarglocken), Glockenspielen und Vokalbeiträgen durch die Sopranistin Chhristine Mothes (stilecht hätte es natürlich ein Mann oder Knabe sein müssen). So bewegt sich denn die Interpretation der eingespielten Werke auf sowieso ungesichertem Boden, gibt es zwar ein paar Noten aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aber keine Gewissheit, wie das damals geklungen haben kann und mag. Umso wichtiger sind solche Einspielungen, die Licht in das Dunkel dieser Zeit zu bringen versuchen.

Das ist eine CD für Spurensucher oder Eingeweihte: Für den putzmunteren Dantz Moss des Konstanzer Münsterorganisten Hans Buchner und Zeitgenossen Luthers hätte Beilschmidt damals sicher den Rauswurf aus der Kirche (katholisch wie evangelisch) riskiert, hier macht der Tanz ihm und dem Hörer hörbar Spaß. Spaß machen auch die glockengesättigten Rahmen-Tracks sowie die rasanten Tastenspiele bei den Messesätzen des Codex Faenza, Nachweis für die Geläufigkeit von Fingern und Orgeltrakturen Anfang des 15. Jahrhunderts. Beispielhaft endlich der Umgang mit der Sequenz Christ ist erstanden in Sätzen von Buchner, Sicher und Calvisius, der am Ende der Entwicklung zum dann bis heute herrschenden Kantionalsatz eherne protestantische Maßstäbe setzte.

Das ist eine CD für Spurensucher oder Eingeweihte: Was der CD-Titel mit dem Programm und der Orgel zu tun hat, bleibt nebulös, trotzdem: unbedingt Hören und Spenden für den zweiten Bauabschnitt!


Rainer Goede - für www.orgel-information.de
März 2017 / Januar 2018


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